Wiederverwertlichung

Prolog: ‚So, willkommen. Wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen? Gut, ja? Gestern ging es Ihnen ja nicht so. Ich habe mir dazu mal ein paar Gedanken gemacht…‘

In einer schlauen Fortbildung lernte ich einst, dass Sinn im Leben in der Verwirklichung von Werten entsteht.
Was für Werte verwirklicht so ein Wirken denn nun den überwiegenden Teil des Tages?

Monolog des Beraters:
Wir helfen kleinen, durchschnittlich Begabten und überwiegend wenig motivierten Festangestellten quasi-Beamten dabei, ihre neuen Arbeitsprozesse in den Griff zu kriegen. Dies sorgt dafür, dass sie ihren Job ausführen können.
Wert: Hilf Deinem Nächsten zu funktionieren.
(Aka: Hilf den Machtlosen, sich besser an den Druck anzupassen?)

Dem Arbeitgeber nutzt dies, weniger Geld auszugeben, seine Angestellten effizienter zu machen und im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Wert: Erhalte eine gesicherte Existenz für möglichst Viele.
(Aka: Hilf den Mächtigen, die Abhängigen besser auszubeuten?)

Dem Land dient dies, Sozialausgaben zu vermeiden und Steuern einzunehmen; weitere Firmen zu erhalten, da Konsumenten Geld haben, deren Produkte zu erwerben.
Wert: Das Beste für das Wohl aller.
(Aka: Hilf den  Reichen, sich noch eine Weile weiter auf Kosten der Ärmeren zu bereichern?)

Der Welt dient dies, ein System am Laufen zu erhalten, das Menschen zwingt, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen, sich ständig zu ändern, global zu konkurrieren, sich zu vereinheitlichen, die Effiezienz zu maximieren, die Individualität zu verlieren, einen Wettbewerb des Wahnsinns am Laufen zu halten und ein Karussell aus Wohlstandsgewinnern und Zechezahlern zu behalten…
Wert:  – wäre das nicht alles Wert, zu Grunde zu gehen?

(Anmerkung: Glaubte man noch an eine neue, bessere Welt, ja, dann wären Zerstörung und Revolution tatsächlich Werte der Wahl. Glücklicherweise hält ein Übergewicht an Jahren den inneren Überzeugungsterroristen in Schach.)
Das mag übertrieben und pessimistisch sein, aber ich glaube nicht an die Botschaft. Nicht an das kapitalistische Mehr der Bedürfnisse, nicht an die neoliberalistischen win-wins und mein Wachstumsbegriff ist sehr charakterlicher Natur im Gegensatz zur materiellen. Der Markt regelt sich nicht von alleine.
Und purer Wohlwollens-Realismus unter Finanzierungsvorbehalt inspiriert nicht genug für 35+x weitere dieser Jahre.

Also Zoom auf die Mikroebene: Zwischen Tür und Angel gäbe es noch so verschämte Wertigkeiten wie Integrität zum Beispiel.
So in etwa ein Maß an Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und Prinzipientreue etc.

Ja, das kann man – im Kleinen, im Umfeld, mit den Nächsten. Bei den Übernächsten hört es schon auf. Aber: kann es ein richtiges Leben im Falschen geben? Kann ich als Mittelsmann, so ich nur respektvoll mit meinen mich Umgebenden umgehe, mich vor den Konsequenzen meiner Handlangungen schützen, auch wenn es Schießbefehle wären? Hände in Freundlichkeitsunschuld tauchend? Man könnte sich herausreden, natürlich. Aber gibt es ein richtiges Leben im Falschen? (Kann die Augen nicht verschließen, kann das Denken nicht lassen.) Therapeutische Maximierung: Was hätte Ghandi Jesus dazu geraten? Und was davon tue ich jetzt in meiner harmonisch gediegenen Mittelmäßigkeit, die mir lieb und teuer ist?

Gibt es überhaupt ein Einzelschicksal, welches auf das Ganze den gewünschten Einfluss hat, ohne allzu schmutzige Pfoten?  Mit zumindest einer großzügigen Unschuld (immer noch Sturm und Drang),  Sand, nicht Öl im Getriebe und so?
Die Konsequenzen mag man sich gar nicht ausmalen –  es wäre wahrscheinlichst ein Straßenleben, das niemandem nutzt und auch noch seine Handlungsfähigkeit verliert. Ohne Handlungsmöglichkeiten keine Freiheit. (Schließlich könnte man ja immer noch jederzeit…)

Letzte Frage: ist es nicht eigentlich furchtbar anmaßend, Sokrates als Maßstab zu zitieren? Wenn schon sicherlich nicht bigott, so doch hirnverbrannt histrionische Selbstüberschätzung,  sich zu fragen was irgendein Buddha wohl getan hätte? Und was wäre stattdessen angemessen – mit der Masse zu verharren…

Epilog

PS: Geschätzter Wert dieser Zeilen: 50.
(Aka: Hinterfragen das Alltäglichen, vermeintlich Unvermeidlichen?)

PPS: (Blöde humanistische Bildung ist doch an allem Schuld.)

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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