Warum ich herzlos geworden bin.

Derzeit bin ich auf der Gewinnerstraße. Einen neuen Vertrag verhandelt und die letzten Tage Hotelluxus genießend, mit Upgrade hoch über der Stadt mit Blick auf den Fluß.
Die Sonne scheint, bald lebe ich zu Hause und leisten kann ich mir das, was ich will.
So fühlt es sich an, nach mancherlei Querelen mit Studienabschluss und Berufsstart auf der Gewinnerseite zu stehen.
Schön ist es.
Und neu.
Und ich habe es mir verdient, durchaus auch mit harter Arbeit.
 
Schön, seinen Rollkoffer durch das Bankenviertel zu ziehen, vorbei an den abfallsuchenden Mitmenschen die sich hier scharen. An jeder Ecke ein Bettelnder und ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll auf dem Heimweg. Sie bedrängen mich. Sie ärgern mich. Ich will sie nicht sehen, nicht dass sie existieren, hasse ihre Entwürdigung, wenn sie kniend den Becher aufhalten.
Wie kann des sein,  dass ich nicht das Elend, sondern offenbar die Elenden verabscheue? Was pisakt meine frischgebackene Siegerseele? Warum täusche ich nicht wenigstens Moral vor mit einer Münze?
Es widert mich an. Und ich widere mich damit an, denn das Gewissen ist ja nicht stille.
Glaube ich nicht an die Armut? Ich bedenke tatsächlich diese Möglichkeit, aber die Antwort ist Nein. Ich denke, es dürfte nicht sein, dass Menschen so leben müssten. Und will nicht daran erinnert werden, dass ich – auch – Glück hatte.
Schwäche und Versagen, das ist das eine Offensichtliche. Die nicht mehr Leistenden haben eine Generalschuld auf sich geladen. Und die anderen sind froh, es immer noch zu schaffen. Das Topos des Siegers: Nichts erntet so viel Zorn wie die eigenen befürchteten Makel an anderen.
Aber es geht tiefer. Wann habe ich das letzte Mal einem Nachbarn geholfen? Ich nehme keinen Anteil an den Menschen um mich herum. Es ist mir zu viel. Ich will ihr Befinden nicht kennen, nicht an sie denken. Bis auf ein paar wenige blende ich sie aus. Und selbst diejenigen, die ich wahrnehme sind auf Distanz gehalten durch bloß virtuellen Kontakt. Mein Anteilnahme2.0 kann ich mit dem „Like“-Button verteilen. (Obdachlosigkeit, dies nebenbei, ist bei Facebook als „Activity“ eingetragen).
Also bin ich doch trotz alledem, trotz Griechentum und Hochschulabschluss, trotz modernem Arbeitsfeld, Sicherheit, Webreife und alledem, trotz politischer Gesinnung und sozialer Eingebundenheit überfordert mit dieser schönen neuen Gesellschaft.
Nicht herzlos, weil es tut weh. Aber selbstbezogen bis zum Erfolg. Und kalkulierend: Worauf lasse ich mich noch ein, wo mache ich dicht.
Statt mein Sandwich zu verschenken google ich das Phänomen; natürlich. (Da muß ich ja nur denken, nicht Kontakt aufnehmen). Weil ich will ja auch wiederum nicht einfach so sein, oder zumindest nicht so bleiben, wie das, was ich vorfinde und überdenken kann. Ein dünne Humanismus-Schicht ist schon aufgetragen.
Das Ergebnis zeigt: Obdachlose sind fünfmal häufiger psychisch krank als andere Menschen. Und ich hätte ein wenig gelernt, psychologisch zu unterstützen. Wer zu Hause lebt, hätte auch Zeit dafür. Es wäre auch nicht einfach nur ein Euro hier und da, der mich deshalb wieder ärgert, weil ich mich freikaufe.
Ich bin gespannt, was passiert mit meinen kostbaren, oder zumindest raren Mitfühlkapazitäten.
Die Werbung zum Suchergebnis verheißt Folgendes:

Dachtotalschaden

(Der Preisvergleich führt übrigens zu diesen Seiten: Blind Side, Stuelpa-Fertigverband und Die Waltons).

Herzlos ist der Sieger, vor lauter Menge, meinetwegen. Aber so zynisch bin ich noch nicht. Un schließlich bin ich ja geworden, was ich wollte.

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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