Tanzen

Der erste Tanzstil den ich gelernt habe, war Ska. Wann das war spielt eigentlich keine Rolle, Metal und Moonwalk gab’s noch nicht mal oder war noch zu sehr vom Teufel, gefühlt jedenfalls, aber das ist ja keine Geschichtsstunde hier. Ich habe gehört, dass es immer noch Ska gibt, auch wenn ich bezweifle, dass er auf Schulpartys noch eine große Rolle spielt.
Wir hopsten fröhlich rempelnd aneinander freuten uns über die freundliche Anarchie, ein Wort, dass manche auch an Hauswände sprühten.

Dieser Körperkontakt war auf jeden Fall besser als beim Blues, der ansonsten noch lief auf den Klassenparties, und bei welchem man mit möglichst großem Abstand die Hände irgendwo an den Seiten des Tanzpartners platzierte und gemeinsam von einem Bein aufs andere trat. Nicht dass etwas dagegen einzuwenden wäre, im Rhythmus von Musik nur von einem Bein aufs andere zu treten, es wurde später sogar zu meinem Lieblingstanzstil, immer wieder vor und zurück, aber mit Blick auf den Boden und ohne Partner, dafür alle irgendwie im Kreis mit einer leeren Mitte, die manchmal auch betanzt werden konnte, als würden wir wechselweise umeinander herumtanzen wie um kleine goldene Kälber, was auch ziemlich gut die Egos beschreibt, zumindest wohl mein eigenes zu diesem Zeitpunkt. Indie hieß das, aber mich haben noch nie die Namen von Musikrichtungen interessiert, nur wie man sich darauf bewegt, das war entscheidend; manchmal konnte man dazu auch heftig mit dem Kopf nicken und die Haare schleudern, Frisuren waren mir auch schon immer egal beim Tanzen.
Das letzte, was ich noch gelernt habe war Hiphop, also gelernt ist relativ, zumindest diese Art, den Körper quasi zusammenzukrümmen wenn man das Bein hebt und die Arme eher mal im Bogen nach vorne zu bringen, welche Finger dabei auch immer abgespreizt werden.

Ich schaue jedenfalls immer noch am liebsten auf den Boden beim Tanzen, gelernt ist gelernt, aber leider ist das irgendwie out genauso wie Indie nicht mehr Indie ist, wie ich vor ein paar Jahren bei einer entsprechenden Disco-Veranstaltung feststellte, ich glaube, jetzt gibt es diese schon gar nicht mehr. Es gibt dafür sowas wie neunziger Parties wo sie wenigstens Musik spielen, die ich kenne und von der ich weiß, wie man sich dazu bewegt, und die  erträglich ist, das hier wird auch kein Anti-Ü-30-Party Exkurs, obgleich ich schwöre, ich trample jemanden zu Tode wenn ich noch einmal Skandal im Sperrbezirk hören muss und es ist nicht Apres-Ski, vielleicht schaffe ich‘s ja sogar bis zum DJ-Pult.
Also, man hört jedenfalls noch die Neunziger, in irre-voll-junger-Leute-Samstagsdiscos, aber ich nehme es euch nicht übel, dass ihr zehn oder zwanzig Jahre jünger seid und die Tanzfläche verstopft, weil ich habe die Musik ja auch nicht erfunden, und ob ich da jetzt schon früher drauf geflippt bin, was soll’s, es ist immer noch keine Geschichtsstunde hier. Trotzdem muss ich mal vollmundig sagen, wenn ich im Leben was gelernt habe bislang, dann ist es, dass man keinen Spaß hat, wenn man sich fehl am Platze fühlt, also tue ich es nicht und ignoriere euch alle; irgendwie hat es doch mit Geschichte zu tun, wenn auch nur so rein privat.
Das mit dem Ignorieren ist leider ein bischen schwieriger geworden ohne auf den Boden zu schauen, und wenn ich die Augen zumache, dann remple ich womöglich in jemanden hinein, und das findet niemand mehr fröhlich anarchisch, schon gar nicht zum falschen Lied. Also schaue ich mal ein bischen herum, ob sich was geändert hat am Tanzstil, aber auf Techno springen immer noch ein paar in die Höhe, das ist gut, ob ich noch ein ganzes Lied durchhalte ist auch egal. Eigentlich müssten sie doch auch irgendwas spielen, was damals immer zu diesen Indie-Discos lief, denke ich, wenigstens Bloodhound Gang, das geschieht dann auch, und ich trotte vor und zurück, Blick auf den Boden und gerate so halb in Trance und als sie danach etwas spielen, worauf wir früher immer die Arme über den Kopf hielten und mit den Hüften gewackelt haben, ist es mir egal, ob das heute keiner mehr tut. Es ist nicht meine Musik, aber mein Tanzen und ich verkneife mir jetzt so einen albernen Bogen im letzten Satz wie irgendetwas zu sagen in dem nochmal das Wort „Geschichtsstunde“ vorkommt, erst recht nicht mit einem Possessivpronomen.

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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