noch ärger kunst

Ich ärgere mich immer noch.

Guerre en forme, Krieg der (Bau)form, hieß die Ausstellung, die politische Kunst auf städteplanerischem Niveau zeigte.
So übersetzt es mir Leo, ich spreche kein Französisch.

Angerissene Ideen auf Weltstadt-Niveau, wie diese, im Ausgleich zur Aufwertung des Hamburger Stadtviertels Veddel einen „Landrun“ zu veranstalten, wobei die nach und nach via Gentrifizierung von Obdachberaubung bedrohten Sozialschwachen um die Wette über das neu zu vergebende Areal des benachbarten Freihafens laufen sollten, um ihr Fähnlein umsonst in ein bebaubares Stück Grund einzuschlagen.

Um Macht sollte es gehen, die mit Raumplanung ausgeübt wird, Definition von Bezugsrahmen, wie sie durch Gewalt über den Raum wie auch durch Sprache ausgeübt wird, und die Konsequenz der Ausgrenzung.
Sprache bedeutet Macht dessen, der Deutungshoheit über Begriffe hat und wir hören dazu englische Filmausschnitte mit Untertiteln, aber ohne Bild, damit wir einen eigenen Deutungsraum eröffnen können.

Diese Kunst soll nicht unpolitisch sein, sondern beabsichtigt eine konkrete Wirkung (kann irgendetwas unpolitisch, was eine Absicht hat, also könnte diese von einem auch politischen Bezugsrahmen nicht subtrahiert werden?)

Da ist der Grundriss einer barocken Planungsstadt auf den Boden gezeichnet, darauf stehen Gruppen verschiedenfarbiger Stühle als Sinnbild der geplanten Parzellen. Diese Ordnung kann man wirken lassen und verschieben, rudimentäre Aufstellungsarbeit, die etwas in uns bewirken soll. Sitze ich auf einem gelben Stuhl anders als auf dem Grünen in der kleinen Gruppe ganz am Rand?

Soweit lasse ich es mir erklären. Und das, was im freigelassenen Deutungsraum in mir geschieht, ist Ärger.

Ärger über halbfertige konkrete Ideen, die einen kompletten eigenen Ausstellungsraum einnehmen, dennoch aber so schlecht dargestellt sind, dass die Führung notwendig wird. Diese konkreten Ideen können so ausgearbeitet werden, dass sie in der gewählten Form verständlich abgebildet werden. So sind es nur Ideenrümpfe – die pure Absicht, keine Kunstwerke die dargeboten werden.

Ärger über ein künstlerisches Standardpostulat, Ausgrenzung durch Politik anzuprangern jedoch mit der eigenen Kunst in höchstem Maße auszugrenzen, all jene, die nicht die französischen Beschriftungen verstehen, die nicht so fließend im Englischen sind, dass die gehört-gelesenen Ausschnitte verstehbar sind, die nicht den Bildungshintergrund haben, sich die Mühe zu machen, die Anregung in dem hingeworfenen brocken zu finden, der nicht Kunstwerk heißt, sondern conversation piece.

Kunst, die nicht fertig sein soll. Kunst, die nur aus Absicht besteht, auch diese nur angedacht, denn wie soll der weitgehend mittellose Migrant denn dann beispielsweise auf seinem errannten Land bauen ohne Kapital? Kunstschaffen, das daher nicht die (machthabenden) Entscheider mit politischen Gegenentwürfen (noch nicht mal Utopien) unter Druck setzt (es auch nicht soll? Die gezeigten Städte waren ja jeweils die Auftraggeber der Werke), sondern nur uns provozieren soll, die Bildungsbeaugeoisie, die sich gerne ein bischen schuldig fühlen mag.
Eine conversation-Position, die die Mühe scheut, sich dem breiten Publikum, dem vermeintlichen Gegenstand ihrer politischen Absicht, auch verständlich zu machen. Die Stühle auf dem Grundriss mögen für geführte Grundschulklassen sinnhaft sein. Aber die Kunst erschließt sich nur, wenn man beharrlich nachbohrt, fragt, Übersetzungen nachschlägt und Interpretationshilfen erbittet. Sie unterhält, erfreut oder inspiriert nicht, sie müht mich bloß. Sie erhält keine Unterstützung durch ihre Ästhetik, sie vertritt keinen schlüssigen Standpunkt, sie klagt ausschließlich.

Der Künstler muss vielleicht nicht unbedingt die Form meisterlich beherrschen, denn Kunst ist natürlich nicht gleichzusetzen mit Können. Sie darf auch provozierend, unfertig und hauptsächlich politisch sein. Aber sie muss ihren Gegenstand für voll nehmen, sonst hat sie ihre Berechtigung als bloße Absicht verloren und ist schierer Zeitvertreib. Und sie muss zumindest soviel können und soviel Fleiß des Schaffenden in sich vereinen, dass der Betrachter sich ernsthaft adressiert fühlt.

Sonst ist sie nichts als arrogant.

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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