M@SS & Healthcontrol

Kap 1 (Fortsetzung)

Wo waren wir stehengelieben? Ach ja, im fahrerlosen Bus, nach der Fingerabdruckkontrolle. – Weil die Busfahrer ja früher immer die Sicherheit hochhielten und das jetzt nicht mehr geht. Und Schwarzfahren auch nicht mehr, was so die vielen Milliardenhaushaltslöcher verursachte. Wehret den kriminiellen Anfängen! –

„Guten Morgen, Lutzi11“ tönt es mir beim Busbetreten von Mind-Assistance entgegen, dem  allgegenwärtigen Online-System staatlicher Mindcontrol, auch kurz: M@SS genannt. (Andere nannten es auch: Mind-Ass.) Bürgerinitiativen hatten sich zwar dagegen gebildet, aber es war zu spät. Die Daten waren ja da und es war so viel billiger so. Als Phyrrussieg nach nächtelangem Anketten der nach den jahrelangen Stuttgart21-Kämpfen quasi-religiös gewordenen  Demonstrationsbewegung  auf dem FRAPORT (Frankfurter Frachflughafen, also da, wo es noch jemandem wehtat) wurde durchgesetzt, dass wenigstens nicht der reale Name zur öffentlichen Ansprache verwendet wurde sondern ein Login-Name in das M@SS; ein ablenkendes datenschützerisches Feigenblättchen. So sei ja jeder personenbezogene Rückschluss in der Kontrolle des Users, hieß es. Des Users, der sich zwar einloggen und Informationen preisgeben konnte, auch gegen Geld jedoch nicht zur Gänze abrufen konnte, welche Informationen über ihn gespeichert waren.

Ich ziehe die Mundwinkel hoch und linse auf den Boden, während ich mir einen Platz suche.  Denn M@SS nutzt, wo es schon aktiv ist, den Irisscan und eine Gesichtsausdruckserkennung  zur gesundheitlichen Überwachung. Die Krankenkassen hatten diesen Schritt erzwungen, nachdem die drei größten Kassen beim BGH Insolvenz angemeldet hatten und das Gesundheitsministerium vor dem Bundesverwaltungsgericht den Offenbarungseid leisten musste. Die Versorgung im Krankheitsfalle wurde an die Arbeitgeber übernommen, die wiederum Versicherungen direkt mit Pharma abschließen konnten. So war gewährleitste, dass der Gesundheitsdruck auch außerhalb des öffentlichen Raumes aufrechterhalten blieb.

Seither wird das Massenspeichersystem M@SS genutzt, um wichtige Gesundheitsdaten – insbesondere des eigene gesundheitsezogene Verhalten – permanent zu monitoren, in die allgemeine Gesundheitsdatenbank GESBA und prophylaktische Gesundheitstipps zu geben. Nachdem prophylaktische wie auch sonstige Behandlungen viel zu teuer waren, wurde es so zu einem öffentlichen Diktat, sich gesund zu verhalten. Es war noch kein Fall bekannt geworden, in welchem die von M@SS zur besseren, schnelleren und individuelleren Gesundheitsversorgung in der GESBA gespeicherten Daten zu Sanktionen geführt hatten, obwohl von Fällen gemunkelt wurde, in welchen überführte Raucher entlassen worden waren, da die Arbeitgeber das Gemeinwohl gefährdet sahen und die auf sie abgewälzten Krankheitskosten befürchteten.  Die soziale Kontrolle wurde dem Staat so abgenommen, auch wenn die Mind-Behörde natürlich leugnete, dass bei Ihnen eine Datenpanne geschehen sei. Nicht, dass das Rauchen verboten gewesen wäre, aber man tat es einfach nicht, da es der herrschenden Gesundheitsmoral widersprach, und Gesundheit ist doch das höchste Gut, nicht wahr? Alles andere war finanzierungsvorbehalten auch leider nicht mehr machbar. Also wurde man freundlich penetrant dazu ermuntert, die eigene Sicherheit an erste Stelle zu stellen. „Denn ohne Sicherheit keine Gesundheit“.

Beim Hinsetzen hebe ich die Augen kurz an, die verbesserten heuristischen Scanner fangen meinen Blick sofort ein. „Lutzi11, ich habe eine Information für Sie.  Wissen Sie, wie wichtig es ist für Ihren Rücken, sich aufrecht, aber mit Spiel in der Wirbelsäule hinzusetzen? So können Schädigungen vermieden werden. Wir freuen uns, wenn Sie gesund bleiben“. Ich stöhne. „Lutzi11, meine Sensoren nehmen wahr, dass Sie eine vorübergehende psychische Beeinträchtigung haben. Es wäre schön, wenn Sie ihr Lachen wiederfänden“. Ich ziehe wieder die Mundwinkel hoch. Nachdem die psychischen Krankheiten zum Quasi-Kollaps der größeren Wirtschaftsunternehmen führten, ist – für die Gesundheit – das eigene mentale Wohlbefinden zur Bürgerpflicht Nummer 1 geworden. Ausgewählte Werbespots die meinem Vergnügen dienen sollten, werden um mich herum abgespielt.  Ein paar Köpfe drehen sich um, teilweise mit der gleichen Lächelmaske wie meiner, teilweise mit echter Schadenfreude und gerunzelten Brauen. „Die Fahrtgemeinschaft nimmt Anteil an Ihrer Stimmung, Lutzi11. Es ist doch schön, nicht alleine zu sein. Ihre Verkehrsbetriebe“.
Zunächst wurde es ja als gute Idee angesehen, das persönliche Verantwortungsgefühl für die eigenen Körper- und Seelenfunktionen zu verstärken. Die Ärzteschaftwurde wie alle freien Berufe in Konzernen vergesellschaftet (also auch die Apotheker, Psychologen usw.), die Hausarztpraxen wurden in Gesundheitszentren geführt, welche von Pharma-Konglomeraten quasi wie Ketrten in einem Franchise-System gesponsort wurden.
So gab es später auch zu wenige unabhängige Stimmen, die den Prophylaxe-Wahn hätten stoppen können. Schleichend wurde schlechte Laune mangelnder Eigenverantwortung für die psychische Gesundheit und schließlich Krankheit der Schuldhaftigkeit verdächtig.
Leider jedoch gaben sie  weder Soma noch Prozac an die breite Bevölkerung aus (Ausnahmen siehe später), denn Psychopharmaka hatten ja Nebenwirkungen und am besten war es, gar nicht erst den Körper an Medikamente zu gewöhnen. (Oder wirkten diese einfach nicht gut genug?)
Hier war der Schulterschluß zur hysterisierenden Biobewegung gesucht worden und in vieler Hinsicht auch geglückt. Gesunder Mensch heilt sich selbt, voll Bio und voll billig. Pharma warb hingegen extensiv für den prophylaktischen Hausgebrauch von Stimmungsuafhellern, da das psychische Befinden ja mit dem Körper zusammenhing und als ‚gesundheitsfördernder‘ Faktor bewiesen schien. Es war ein Scheinkrieg, der vermutlich den Eindruck erwecken sollte, es gäbe noch Kräfte die sich massen, aber Pharma erhielt andererseits über die Ankoppelung an M@SS genügend Möglichkeiten bedarfsorientierten Absatzes ohne störenden Hausarzt dazwischen.

 

-To be continued by anyone:

Tag: M@SS

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

2 Kommentare

  1. Anonymous

    gelungen gruselig

  2. Alex

    gelungen gruselig!!!

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