Ägypten wie wir

„Wir sind in der Lage, eine Revolution durchzuiehen bis um Schluss.“
So zitierte die ARD gestern einen demonstrierenden Ägypter. Und viele Bilder, die einen Sieg das Volkes suggerieren sollen. Jaja, Freiheit- und Demokratiefloskeln.

Dann wird der Knackpunkt benannt: Die Armee hat bestimmt, dass Mubarak jetzt geht, und damit hat sich zunächst noch gar nichts wirklich geändert im Land. Noch ist die Revolution nicht durchgezogen.

Die Opposition war in der Lage, friedliche Proteste auf dem Tahrir-Platz  zu organisieren und eine wenig blutige Revolution geschafft, dazu sind die Ägypter zu beglückwünschen! Aber in einem Raum ohne Rechtssicherheit dafür voller Korruption, ist diese Opposition organisiert genug, um Macht übernehmen zu können? Wie sollte das Militär denn zur Machtübergabe gebracht werden ? Gegen diese riesige Wirtschaftsorganisation mit der 10. größten Armee werden Scoial Media-Netzwerke nicht ausreichen.

Die einzige Alternativ-Organisation scheinen die Muslimbrüder zu sein. Und der gesamte Westen denkt 1979 und an den Iran.

Aus einem korrupten System wird nicht durch Bürgerrevolution eine Rechtsgesellschaft (ohne die Demokratie nur so heisst). Credo: Es braucht vor allem den Rechtsstaat um Freiheit zu schaffen, darauf erst die Demokratie.
Wie hatte es für die DDR funktioniert? Ein Teil des alten Apparatschik musste ja erst einmal die Ordnung aufrechterhalten. Und dann stand die BRD bereit. In anderen Ostblockländern hat die Installation von (ohne Schmiergeld) funktionierenden Rechtsstaaten sehr viel länger und schmerzhafter gedauert, wenn sie denn abgeschlossen wurde.

Es wir in den Medien gehypt, dass die nordafrikanischen Volksaufstände nicht antiwestlich sind, sich nicht gegen USA und Israel wenden, sondern nur gegen die eigenen Diktatoren.„Wir wollen leben wie ihr“ werden Zurufe zu westlichen Journalisten zitiert.

Weil diese Gesellschaften aufgeklärter,  selbstkritischer, hassfrei sind? Das möchte man allen wünschen. Laut dieser Umfrage befürworten die Ägyper zu 3/4 die  Steinigung bei Ehebruch, den Tod beim Abfall vom islamischen Glauben und das Abhacken der Gliedmassen bei Diebstahl. Die Sorge vor extremistischen Tendenzen ist gering, die Zustimmung zur Genitalverstümmelung ist laut Unicef gesunken auf 63% im Jahr 2008 (91% der erwachsenen ägyptischen Frauen sind laut derselbe Quelle übrigens beschnitten, hoffentlich nicht, wie die Nilnähe nahelegte, pharaonisch).
So würden wir nicht leben.
Denn so wäre unser Leben schlicht nicht möglich – egal, worauf sich  Wunsch zur Nachahmung eigentlich genau bezieht.

Vielleicht, womöglich wollen sie so leben, wie sie es faktisch von uns kennen. Weil wir den aktuell aufbegehrenden Teil Nordafrikas touristisch überschwemmt haben, sie Wohlstand und Harmlosigkeit und hoffentlich Freundlichkeit der Touristen gesehen haben, die Männer die Freizügigkeit der Touristinnen zu schätzen lernten (nicht für die eigenen Frauen vorgesehen selbstverständlich, s.o.)

Aber abgesehen vom diskutablen Strafrecht kann dies für die Mehrheit  nicht durch die Organisationsform und Legalisierung von politischer Opposition alleine hergestellt werden, sondern durch die (geistige) Verfassung der Gesellschaft. Also Aufgeklärtheit, Freiheitlichkeit, Rationalität, Menschenrechte.
– Und hier gilt kein Einwand ala „bei uns ist auch nicht alles toll“. Das sind faktisch wie theoretisch andere Dimensionen.

Diesen Konsens braucht man für den demokratischen Rechtsstaat.
Ob hier (EU-)Hilfe zur Entwicklung angenommen werden oder wie sie sinnvoll sein kann, ist eine andere Frage.
Von islamkritischen In- und Outsidern wird die Religion als Stolperstein des „Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ als kulturellem Fortschritt genannt. Der weltweite Beitrag organisierter Religionen zum Prozess der Aufklärung  bleibt historisch überschaubar. Aber wir haben es ja auch geschafft, das Mittelalter (oder eigentlich die frühe Neuzeit als religiöse Greuelphase) zu überkommen ohne vom Christentum abzufallen.

Es hat halt ein paar Jahrhunderte gedauert.

Von daher wundert es nicht, dass Welt online eine geringe Euphoire der Deutschen über die südmediterrane Freiheitsbewegung berichtet.

Ägypten, Tunesien, Iran, arabische Welt: ich wünsche Euch einen langen, hoffentlich digital beschleunigten und gelassenen Atem.
Und uns, dass ihr solange keine noch gefährlichere Waffenkraft oder Einigkeit erlangt.

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

2 Kommentare

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  2. Pingback: …was nun in Ägypten? « wunstwerk

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