social media | diktatur des banalen

was ich an social media nicht mag: die Abstimmung a la „like“

die botschaften sind banal und der beliebteste/lauteste gewinnt. wie im sandkasten.

dass es auf facebook eine seite „gegen die jagd auf guttenberg“ gibt mit knapp 300.000 unterstützern am freitag morgen, dagegen „guttenberg muss gehen“ zusammen mit den 5 Alternativseiten für die jagd auf den minister ca. 17.000 likes zusammenbringt.
– das nervt nicht deshalb, weil es nicht meine meinung widerspiegelt oder weil es zeigt, dass die konservativen es offensichtlich besser schaffen, die geschlossenheit oder trägheit zu zeigen, sich nur auf einer seite zusammenzuklicken.

es nervt, weil es mich quasi auffordert, mitzustimmen, um nicht „den anderen“ die ganze bühne zu überlassen (und, huiuiui, du hast ja noch gar nicht gegen die nazis geklickt?). je mehr diese meinungsumfragen medial zitiert werden, manchmal auch rezensiert, desto mehr politische bedeutung erhalten sie ja auch.
wer nicht wählt, dient der herrschenden partei – und wer nicht klickt, stützt die herrschende meinung.
ich mag einfach den begriff mediendemokratie nicht, denn die medien sind nicht das bestimmende element in social media, sondern der ‚usercreatedcontent‘.  es ist die post-brent-spar-stufe der konsumdemokratie: ich muss noch nicht mal mehr wirklich handeln, eine virtuelle handlungsimitation genügt.

ich habe, dennoch, immer noch wenig interesse daran, meine meinung durch klickbuttons der welt mitzuteilen.

ich klicke „like“s deshalb nicht gerne:

1. weil meine meinung dabei nichts aussagt
was bedeutet es denn bitte genau, „gegen Brustkrebs“ zu sein? Ist jemand dafür?
423.918 Menschen wollen „Kein Facebook für Nazis – NPD-Seite löschen!“ und klopfen sich für ihr Engagement wahrscheinlich selbst auf die Schulter. aber das IST kein Engagement. Oder hat schon einer Facebook verlassen, weil die Nazis nicht zensiert wurden?

Dieses Zitat aus dem Beispiel Stuttgart 21 (wenn auch nicht mehr ganz so aktuell) zeigt es am schönsten:

Handlungsimitation und ihre Validität

Für Stuttgart 21 (Herbst 2010)

Ein „like“ ist einfach noch schneller geklickt, als der Umweg zur Aral-Tankstelle gefahren.

2. weil meine meinung mit meinen profildaten zusammen verkauft wird

ich will keinen plattitüden ab- oder zujubeln, und noch viel mehr erst recht nicht, wenn daraus ein konsumentenprofil erstellt wird, das mir dann die für meinen cluster entsprechende kontextwerbung einblendet. macht facebook, kann jeder kaufen, noch nicht mal teuer.

das ist gleichsam ökonomische rasterfahndung.

zurück zu guttenberg und darüberhinaus:

1. ist es wichtig, ob jemand das vorwort seiner diss aus der faz abgeschrieben hat?
nein. soweit die wissenschaftliche erörterung sauber ist, ist das nicht fein – aber auch kein drama. und zwar so lange, so lange der wissenschaftliche wert auch unter nennung aller quellen noch erhalten bleibt.

2. nur mal angenommen, fügte es der wissenschaft schaden zu, wenn jemand eine doktorwürde erkaufte, die er nicht selbst erarbeitet, also geschrieben hätte?
nicht zwangsläufig. soweit die wissenschaftliche erörterung korrekt ist, ist der forschung kein abbruch getan.
natürlich aber der doktorwürde des einreichers wenn’s rauskommt.

3. kann jemand minister bleiben, der seinen doktor aufgrund von unwissenschaftlichkeit (durch übernahme fremder texte ohne kenntlichmachung) aberkannt bekam?
nein. weil dies das erträgliche ausmaß an abschreiben überschreitet.
weil es entweder um nichtachtung geistigen eigentums geht oder um unterschleif durch nichterbringen der leistung. da muss der politiker dann doch als vorbild herhalten. und gegangen werden, egal ob der doktortitel mit der politischen arbeit nun zu tun hat oder nicht.

4. und wie wäre es, nur mal angenommen, wenn im nachhinein herauskäme, dass das komplette abitur nur durch abschreiben zustande kam udn die schule wegen unterschleifs eine sechs vergäbe und damit die hochschulreife aberkennte?
ja, was dann?
dann würde man das launig erzählen, ein wenig reuig, aber doch als fast heldenhaft-dreiste jugendsünde.

so ähnlich wie steine schmeißen auf demos. oder dazu aufrufen, nur mal so angenommen.

und im amt bleiben.

und weil das alles niemand auf einen zustimmungsbutton reduziert kriegt, deshalb mag ich social media hier nicht. aber eigentlich brauchen wir aber bloß zwei buttons:
einen unter guttenberg und einen unter joschka fischer; denn das ist es, was abgestimmt wird: wen mag ich und wen nicht.

und wie im sandkasten: der beliebteste gewinnt.

(es ist, andererseits, ja wiederum geradezu tröstlich, dass sich geld nur den doktor, aber nicht alles kaufen kann)

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

3 Kommentare

  1. kaidoh

    Nur einige Anmerkungen zu den Guttenberg-Punkten.

    ad 1)
    Es geht schon lange nicht mehr um ein paar Sätze in der Einleitung der Arbeit. Plagiate wurden inzwischen auf drei von vier Seiten gefunden. Darunter gibt es etliche Stellen, an denen Karl Xerox zu Guttenberg ganze Seiten im Wortlaut übernommen hat (insgesamt 27 komplette Seiten, http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Herausragende_Fundstellen und http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Zwischenbericht). Im Umfang von 35 weiteren Seiten hat er Zitate verschleiert, also keinesfalls „einfach die Gänsefüßchen vergessen“. Eine eigene Leistung, und schon gar keine summa cum laude, ist in der Arbeit immer schwerer auszumachen.

    ad 2)
    Überspitzt formuliert würde das heißen „Abkupfern ist in Ordnung, solange es ordentlich gemacht wird und fachlich richtig bleibt.“ Lautes Kontra! Im Wissenschaftsbetrieb herrscht ein hoher Konkurrenzdruck. Die wissenschaftliche Reputation wird in Veröffentlichungen und Impact Faktoren gemessen. Wenn diese käuflich oder unlauterer Günstlingswirtschaft unterworfen wird, entwertet der Wissenschaftsbetrieb seine Währung bzw. Grundlage, weil dadurch die Motivation korrumpiert wird, über Leistung zum Ziel zu gelangen. – Eine vergleichbare Entwicklung hat z. B. der Radsport schon hinter sich. Dort kann es sich heute kaum noch einer leisten, „sauber“ zu bleiben, weil in der Spitze alle dopen. Die ehrbare Leistung ist dort kein Wert an sich mehr. Gegen solche Tendenzen in der Wissenschaft (oder weiter gefasst: im Bildungswesen – sozusagen: Spitzensport und Breitensport) sollte man sich wehren, solange man kann. Kurz: der Wissenschaft ist es egal, ob man sie aufrichtig oder unlauter betreibt. Aber den Menschen, die Wissenschaft betreiben wollen, darf es nicht egal sein, ob man ihre grundlegenden Regeln Schritt für Schritt aushöhlt.

    ad 3)
    Eine Erweiterung des Gedankens: Es geht nicht nur um die Nichbeachtung des geistigen Eigentums anderer. Es geht auch um einen grundlegenden Zweifel an der Eignung und Leistungsfähigkeit des Betrügers. Die Doktorarbeit soll ein Nachweis darüber sein, komplexe Fragestellungen aus eigenem Vermögen gleichermaßen umfassend wie akkurat bearbeiten zu können. Wer sich diesen Nimbus unlauter erschleicht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht tatsächlich grundsätzlich ungeeignet ist, die komplexen Probleme lösen zu können, zu deren Lösung er abgestellt ist. Leider ist KTzG diesen Nachweis in seinen bisherigen Ämtern schuldig geblieben.

  2. liva2lox

    noch kürzer:
    1. natürlich hast Du recht, dass mehr abgeschrieben wurde. es ging darum, abzugrenzen, ab welchem grad welche konsequenz angemessen ist. ein gewisses maß ist eben erträglich – für mich ist wäre es das abschreiben der einleitung noch gewesen. dass unser minister darüber hinaus ging, steht auf einem anderen blatt.

    2. für den wissenschaftlichen wert wäre es erstmal egal, wer die arbeit schreibt, so lange sie richtig gemacht wird und ob die person bezahlt wird. ja. für den doktoranden ist es das nicht, weil er nicht für die leistung, die er nur gezahlt, nicht aber erbracht hat, honoriert werden kann. hier ging es nicht ums abschreiben sondern umdie trennung von schaden am inhalt (wissenschaftlichem thema) und schaden an der person (ihrer vertrauenswürigkeit)

    3. ja, so kann man argumentieren. wenn jemand allerdings ein studium erfolgreich abgeschlossen hat, kann die fähigkeit zum eigenständigen erarbeiten von komplexen sachverhalten hoffentlich als ausreichend gegeben betrachtet werden.
    was unrettbar beschädigt ist ist einfach nur die bewertung des charakters durch mutwilligen betrug.
    ob unser minister seine geistigen fähigkeiten auf politischem felde unter beweis gestellt hat, darüber urteile ich hier nicht.
    unterschleif alleine beweist zumindest noch nicht unfähigkeit. Der fehl istbis dahin erst mal nurmoralisch gesichert.

  3. Pingback: Nachtrag: facebook; depression; therapie – die politische lösung « wunstwerk

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