3 Fragen zur politischen Dichtkunst

1. Darf man Isreal überhaupt kritisieren?

Nein. Unter keinen Umständen. Nie wieder. Wessen Volksangehörige Opfer des uniquitärsten Völkermordes der NS wurden, sind über jeden Zweifel erhaben, auch ihre Kinder und Kindeskinder, auch gegenüber den Kindern und Kindeskindern der Täter.

Dazu muss man das Alte Testament heranziehen. Es gibt ein gemeinsames Volksschicksal der Israeliten, und die Taten der Väter bestimmen das Schicksal des ganzen  Geschlechts. Was sonst ist die isrealische Identität? Es gibt keine Verfassung des jüdischen Staates, in der Declaration of Establishment of State of Israel, der Unabhängigkeitserklärung, steht an erster Stelle, dass ‚das Land Israel der Geburtsort des jüdischen Volkes ist…wo seine Identität geformt wurde‘. Diese Identität besteht u.a. daraus, vertrieben worden zu sein und jetzt wieder zurückgekehrt zu sein. Israel versteht sich damit als ‚Erbe der jüdischen politischen Prinzipien‘. Und woher stammen diese? Aus dem „Gründungsmythos“, der Erschaffung der Welt und des Volkes durch Jahwe im AT.

Dass sich die isrealische Regierung mithin entblödet, reflexhaft aufzujaulen entspringt genau dieser Selbstidentifikation, die auch neuen Siedlungsbau rechtfertigt – und sollte daher niemanden überraschen. Und auch, einem alten Mann wie Grass die Einreise zu verwehren, um ihm keine Platform zu bieten, sich medial zu rehabilitieren durch die Ablichtung in entsprechender Pose an gewichtigen Plätzen.

Ich verstehe dieses Selbstverständnis in seiner konstituierenden Notwendigkeit. Aber als Nachgeborene muss ich mich dem nicht bedingungslos unterordnen, so wie unsere politische Kaste.

2. Darf man ein solches politisches Gedicht schreiben?

Abgesehen vom inhärenten Tabu der Israel-Kritik, wer dürfte einen solchen Text verfassen? Deutsche Politiker keinesfalls, siehe 1.
Die deutschen Medien natürlich auch nicht, die berichten ja auch nur von der offiziellen Kritik, nicht von den vielen einfachnur-Bürgern, die (teilweise) eine differenzierte Meinung haben.

Aber als herrschender Intellektueller muss Günther Grass solche Texte schreiben. Denn unser Politikverständnis gründet sich nicht auf geheiligten Büchern, sondern auf, zumindest etwas mehr, Rationalität.
Als Gedicht furchtbar schlecht, ist es dennoch sicherlich kein Hasstext. Aber eine eindeutige Meinung. Und es kann nicht sein, dass eine solche Äußerung nur gegenüber international anerkannten Diktatoren ‚erlaubt‘ ist. Auch die ‚Guten‘ müssen einstecken dürfen, das ist das Selbstbild der (westlichen) Demokratie usw.
Daher danke ich Günther Grass dafür. Denn es geht genau darum: Die vorherrschende Meinung herauszufordern. Dafür haben wir die alten Männer mit Bärten, für die sich sonst schon längst keiner mehr interessiert.

Ist die Verwendung der Sprache angemessen? Nicht direkt ausgedrückte Tendenzen einer herabwürdigenden Wertung zeigen sich üblicherweise in Symbolismus, Bildsprache oder verwendeter Begrifflichkeit. Die Presse hat das Gedicht darauf analysiert und ja, es tauchen die Sprachbegriff und Konfigurationen auf, die belegt sind vom Kontext der historischen Einzigartigkeit des Antisemitismus. Das ist ein Problem. Und eine sehr weit getriebene Provokation.

Unsere Intellektuellen müssen aber auch solche Texte schreiben, dürfen die Hoheit der Sprachverwendung nicht der Politjournaillie oder den Historikern einfach überlassen – im richtigen Kontext, wohlgemerkt! Wenn ein rechtspopulistisches Organ zu diesen Mitteln greift, ist das, zu Recht, unterträglich.
Und wenn es irgendeiner unserer namhaften bloggenden Bürgerjournalisten in den Dreissigern täte, würde sich schlicht niemand darum scheren.

Unsere Medien wissen schon, warum sie die Netzdiskussionen ignorieren.
Eine frische Leserumfrage der FTD dazu beziffert gerade die Diskrepanz zwischen öffentlicher und mehrheitlicher Meinung.

3. Darf ein ehemaliger SS-Mann politische Nachfahren seiner potentiellen Opfer kritisieren?

Hier wird es endlich spannend. Jeder darf seine Einstellung ändern und später gegen die wettern, die er vorher unterstützt hat.
Darf er aber auch bei der geänderten Meinung bleiben und dennoch diejenigen (Juden) kritisieren, die er vorher verunglimpft hat, zumindest durch seine Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Gruppierung (SS) wenn nicht durch eigene Aktivität?

Hier geht es nicht einfach um Moral, sondern auch um Taktgefühl.

Moralisch hat Herr Grass in seinem Text selbst keine Verfehlung begangen; er hat sich nicht verallgemeinernd  negativ-stereotyp oder abwertend geäußert – es ist eine Kritik an der Politik einer Regierung, keine Verunglimpfung von Personen oder einer Volksgesamtheit. (Und das auch wenn er in seiner Sprachwahl grenzwertig provoziert.) Rein sachlich betrachtet.
Ich weiß nicht, was Günther Grass persönlich an antisemitischen Taten und Worten gebraucht hat. Wenn er antisemitische Hetze oder Schlimmeres betrieben hat in seiner Vergangenheit, dann verbietet es ihm der Takt, noch vor ggf. der Moral, seine Opfer zu kritisieren. Mindestens, solange noch irgendjemand am Leben ist, der betroffen war auf der einen oder anderen Seite – also als Opfer oder Mittäter.

Schließlich und vor allem geht es ja nicht nur um die Wahrheit oder Meinung, die ein Einzelner aussprechen darf, sondern darum, in welcher Position sich dieses Individuum befindet. Und als Intellektuellenführer, Regierungsmitglied oder sonstiger Meinungsbildner spielt der persönliche Hintergrund einer Ansicht eine viel größere Rolle als bei meinereiner. Wenn ich sage was ich denke, wird mir nämlich keiner folgen. Es hat keine praktische Konsequenz.

Die Frage ist zuletzt noch und wieder, ist der Staat Israel identisch mit dem Judentum? Nach unserem Staatsverständnis ist das nicht so – die Bundesrepublik ist nicht der Vertreter des Deutschseins auf Erden. Aber nach dem israelischen Selbstverständnis, siehe wieder 1: Unabhängigkeitserklärung und altes Testament, ist es eben so. Natürlich gab und gibt es auch säkulare israelitische Kräfte und dieser Staat ist komplexer inseiner Gesamtheit – aber er Israel (re)agiert in dieser Angelegenheit auf genau dem verkürzten, beschriebenen psychischen Niveau.

Günther Grass hat gegen den Takt verstoßen.
Ob er das um der Sache willen durfte oder nicht, die leicht bedrückende Tatsache ist, dass es kein anderer in vergleichbarer Position tat. Vielleicht weil es niemanden gibt? Wer hätte es sonst tun können?

Es ist mir allenfalls lieber, wenn Herr Grass eine taktlose, scharf provozierende Meinung ausspricht, die einfach vorhanden ist in unserer Republik und nach unseren Maßstäben vorhanden sein darf, über die jedoch offiziell geschwiegen wird. Ob er dabei sprachlich zu weit gegangen ist, sollten die aufgeklärteren anti-anitsemitischen Interessenvertreter durchaus beurteilen. Vielleicht ist er das ja.

Sachlich jedoch wird diese Meinung aber lieber veröffentlicht von einem untergehenden Starautoren als von einem aufstrebenden rechten Blog.

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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