LOHAS and me* (Glosse)

LOHAS = Lifestyles of Health and Sustainability

Diese Marketingakronym beschreibt das (überwiegend besser situierte) Konsumentensegment, das nicht nur Gesundheits- und Umweltbewusstsein vereint, sondern auch Technik- und Naturbezogenheit, Individualität und Gemeinsinn, Genuss, Verantwortung und weitere Werte.
Soziologisch werden sie „Cultural Creatives„, Kulturkreative, bezeichnet und wurden 2000 von Paul H. Ray  Ruth Anderson erfunden: Menschen, die in ihrer jeweiligen Kultur holistische, kreative Werte vertreten. (Auf die Untergruppen sei hier verzichtet)

Also technik-affine Stil-Ökos, die ihre Nachhaltigkeit durch bewussten Konsum, aber in politischem Selbstbezug leben; also das aristotelische vita contemplativa, ein Leben ohne Hinwendung zu politischer Aktivität;  oder auch das protestantische Wir-Gefühl von “ vielen kleinen Menschen, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun“, wie zum Beispiel Politik mit dem Einkaufswagen. Politisch stünde die linksliberal/realogrüne  „Toskana-Fraktion“ wohlfeil zur Verfügung (und unter der Annahme, dass LOHAS durchschnittlich häufig wählen gehen könnte das die erstaunliche Stabilität der bündnisgrünen Kreuze auf den Stimmzetteln erklären.)

Eine Gruppe, die sich gerade erst ihrer selbst bewusst wird und den Rückzug auf eine Individualität der Nachhaltigkeit verfolgt, die allen zum Besten diene. Interessant ist, wie diese vielen wohlhabenden und gut ausgebildeten Kluturkreativen ihre gesellschaftliche Selbstbezogenheit selbst empfinden. Fast alle LOHAS die ich kenne halten sich nämlich für Freigeister. (Und irgendwie scheint fast jeder, den ich kenne, LOHAS zugehörig)

Ein Freigeist, oder neuer: Freidenker ist Vertreter einer Haltung, nach der das Denken an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert ist und nicht von Tradition, religiösen Normen und Denkverboten beschränkt werden dürfe – bis hierher sind wir das fast alle in dieser Kultur.
Dazu kommt ein (nichtreligiöser) Humanismus als das Bekenntnis zu Werten wie Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Gewaltverzicht (damit können wir schon mal gleich all die politisch rechten „Freidenker“ ausschließen). Historisch waren damit Aufklärer und Publizisten wider staatliche Zensur gemeint; also die aristotelische vita activa, das öffentlich tätige Leben.
Denn hier kommt ein entscheidende Folgerung – beziehungsweise Postulat: Dem Freidenker muss als Humanisten daran gelegen sein, dass der ganzen Gesellschaft geistige Freiheit zu teil wird. Und ist dies nicht der Fall, so benennt er Ungerechtigkeit und bekämpft sie zumindest intellektuell. Sonst ist er nichts anderes als ein Snob, der nutzt, was ihm qua Geburt, Wohlstand, Bildung oder sonstigem glücklichem Umstand offen steht.

Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Gewaltverzicht sind vielleicht als eine Art „soziale Nachhaltigkeit“ und generelle Verantwortlichkeit in der LOHAS-Idee enthalten. Nicht vorhanden ist  die aufklärerische, aktive politische Gegnerschaft. Und das nervt. Denn das LOHAS Konzept ist nicht für jedermann, solange es keine politische Entsprechung hat: Gesundheit, Genuss und Nachhaltigkeit sind an Voraussetzungen geknüpft, die momentan vor allem schlicht mit Geld zu tun haben, weiters aber vor allem auch mit Zugang zu Information und Informationskompetenz.
Und hier endet der Schmusekurs mit der Toskanafraktion. Denn das sind, mittlerweile, auch nur noch dekadente, alte, weiße Männer, die weder das Informationszeitalter noch das fortschreitende Verengen der Wohlstandsschere im politischen Kampfgebiet haben.
Deshalb ist die kontemplative Denkweise der LOHAS kritikwürdig: sie ist potentiell versnobt; zumindest aber faul.
Und insoweit unvereinbar mit dem freigeistigen Ideal.

Sollte man Nachhaltigkeit und Humanismus mit sozial bewusstem Denken und Informationskompetenz zusammen in eine Subgruppe gießen, dürfte diese die größte Schnittmenge mit Graduierten der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften haben; zumindest deren Anteil gesellschaftskritischer, politisch denkender Intellektueller.*

Als bekennende Ebensolche rufe ich polemisierend den vielen sympathischen Kulturkreativen zu: Denkt größer und weiter! Gehet hinaus aus eurer Scholle, auf dass ihr politisch seiet! (Oder zumindest ein bisschen intellektuell. Damit ist man auch noch Snob)
Denn dann, liebe LOHAS, darf wirklich gelten: Wir sind alle Freidenker. Gemeinsam können wir etwas Großes erreichen. Wir sind alle eins. Und dennoch völlig verschieden.

…Hier noch eine kleine Hilfe zur Unterscheidung

[edit: Graph]

LOHAS and Intellectuals

Alas, wie both call ourselves Libertines. And we are both Snobs.

 

*“me“: Lifestyles of Politics, Social Criticism and Intellectuality (LOPSCAI)

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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