Der schöne Schein des Tadels der Präsenzkultur

Unsere Präsenzkultur am Arbeitsplatz, das vielzitierte Hemmnis bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, scheint für so Vieles verantwortlich: die Unterrepräsentation von Frauen in Führungsetagen, zu hohe Arbeitsbelastung und (u.a.) daraus resultierende psychische Störungen, die unzureichend schnelle Digitalisierung der Arbeitswelt.

Die Abkehr von der Präsenzkultur aber gelingt vielerorts nur einem Teil der Belegschaft und zu dem Preis, dass die übrigen umso präsenter sind.

Einmal beispielhalber, wie es sich parktisch anfühlt, wenn die Präsenz verringert ist – in  mittelständischen Unternehmen mit Pojektarbeit und hoher Arbeitsteilung im Team.

1. Warum nicht von zu Hause aus arbeiten?

MitarbeiterIn A arbeitet remote, da in einer anderen Stadt.

Das heißt bei jedem Meeting erst mal die technische Verbindung herstellen. Klar ist das grds. lösbar, aber wenn wir ehrlich sind, bedeutet es eben doch Verzögerung, Mehraufwand und ein Risiko. Mal klappt die Technik nicht, mal ist das Netz zu schwach. Also muss immer jemand entweder vorher los (was nicht eingplant ist), oder alle müssen warten, bis es funktioniert. Und selbst dann: Das Bild hängt, die Präsentation ist eingefroren, und der Geräuschpegel ist in manchen Räumen ein Problem.

Gut, jetzt klappt es. Wir schieben das Tablet hin und her, damit A abwechselnd die entstehenden Mitschriften am Whiteboard und die KollegInnen ansehen kann. A’s Teilnahme Möglichkeit ist eingeschränkt. Und für die, die dafür empfänglich sind ist die Atmosphäre einfach eine andere, wenn das ganze Team physisych spürbar ist oder nicht.

Ok, wir kennen A gut genug und kriegen es irgendwie hin in Meetings. Wenn wir spontan bei anderen vorbeilaufen, um uns schnell am Platz abzustimmen, ist A halt nicht dabei. Oder wir rufen gemeinsam an, was heißt, dass es erstmal klappen muss und dann alle anderen im Raum Rücksicht nehmen müssen. Sehr nervig, diese Lautsprechertelkos von Kollegen in größeren Büros – weil der Kopfhörer alleien ja nicht reicht, ich kann auch nicht mehr telefonieren oder lachen, damit sie sich noch hören.

Kann ich ja mal tun, ist ja selten, dass diese Gespräche dann ausufern.Wenn ich Arbeitsergebnisse von A durchsehe, kann ich halt nicht direkt draufmalen und dabei erklären, was ich meine. Außer ich buche einen Meetingraum mit Whiteboard. Das ist halt nicht mehr ganz so kurzfristig und damit geht auch ein Teil des  „casual“ Charakters verloren. Dinge wirken eben anders, wenn sie einem anderen Kontext gesagt werden, und wenn die physische Rückmeldugn fehlt. Bitte tut nicht so, als wäre es dasselbe!

Naja, das nehme ich halt in Kauf. Aber wenn ich die Chance habe, auf einem Projekt mit einer anderen qualifizierten und netten Person zu arbeiten, sind das viele Kleinigkeiten weniger und die ich mich kümmern muss, die meinen Arbeitstag dann doch entlasten. Und wir gehen gemeinsam in die Mittagspause und genießen die Sonne.

2. Eltern in Teilzeit

Die KollegInnen B-F arbeiten Teilzeit wegen ihrer Kinder. Finde ich schön, dass sie das können, und auch, dass sie Kinder großziehen. Sollen alle flexibel halten können, so wie es für sie passt.

Das führt zu recht verschiedenen Arbeitszeiten in einem Team. Die Kinderlosen stecken natürlich zurück, sie können ja flexibler sein, und alle möglichen Teilzeitstellen sind nachvollziehbarerweise von Eltern besetzt.

Für mich heißt das, alles, was im Team besprochen werden muss, muss in sehr wenige geminsame Stunden aller gequetscht werden. Meine Tagesstruktur richtet sich nach den Teilzeitkräften: Sind sie da, ist es unfassbar dicht, da gibt es kaum Terminspielraum. Sind sie weg, bin ich ganz schön durch. Und was ich nicht klären konnte, hindert mich daran, selbst weiterzuarbeiten.

Klar, B und D schauen auf Ihre Emails zu Hause und reagieren im Notfall auch. Ist ja eine der Todsünden, die man nicht tun sollte. Aber für mich ziemlich unverzichtbar um meine Arbeit machen zu können – außer ich hörte auch Mittags auf zu arbeiten (würde ich sofort machen, wenn ich dürfte. Aber irgendjemand muss ja auch noch erreichbar sein zu normalen Geschäftszeiten).  „Das muss dann halt bis morgen warten“ –  Kann es manchmal vielleicht, aber morgen sieht der Tag ja nicht besser aus – da stehen schon die nächsten Meetings und Tasks an, die in den halben Tag eingepasst sind. Es wird ja oft ins Feld geführt, Teilzeitkräfte seien viel effizienter in ihren wenigen Stunden. Das stimmt, da ist einfach kaum Luft für unvorhergesehenes.

Bei kleinen Kindern kommt natürlich noch jede Woche irgendein Sondertermin dazu plus die Krippenkrankheiten – die natürlich der Partner bedient, der in der kinderfreundlicheren Firma arbeitet. Ich kann mir gut vorstellen, dass das wahnsinnig stressig ist und Eltern alles dran setzen, das hinzubekommen. Aber es geht eben nicht, ohne dass ich es mit ausgleiche. Und dabei selbst zurückstecke mit meinen Bedürfnissen.

Wenn sich irgendwas verzögert, aber „das Ding“ heute rausmuss, mache dann natürlich ich es fertig, weil C Kinder abholt. Und ich sitze dann alleine damit da. C tut das echt leid und bietet an, dass wir um 9 Uhr drüber sprechen können, wenn die Kinder im Bett sind. Das rechne ich auch hoch an. Somit ist mein Tag nochmal länger. Und um 9 Uhr bin ich einfach fertig nach so einem dichten Tag, und ich will auch irgendwann Feierabend.

Fazit

Die personelle Flexibilität, die eine Firma verliert durch flexible Arbeitszeiten und geringere Präsenz wird in der Regel nicht an die Kunden weitergegeben, sondern führt zu einer Verdichtung.

Und dabei rede ich nicht von denjenigen wenigen, die es eben auch immer und überall gibt, die ihre Privilegien missbrauchen. Es geht nicht um die, die ihre Chance nutzen, aus dem „alle sind da von morgens bis abends“ auszusteigen. Es ist sicher anstrengend und erfordert auch Einsatz bei den entsprechenden KollegInnen. Aber es bedeutet für alle mehr Aufwand, mehr Reibungsverlust, der dann meist logischerweise bei denen hängenbleibt,  die halt noch da sind. Und die halt ihren Feierabend ggf. auch dranhängen können, weil sie kein Kind abholen müssen. Präsenz ist auch eine Entlastung aller, udn weniger Präsenz macht es für alle Beteiligten anstrengender. Flexibilisierung von Arbeitszeiten heißt auch Flexibilisierung der Arbeitnehmer, und erhöht damit wieder den Druck und das generelle Erreichbarkeitssyndrom.

Jaja, so habt Ihr das natürlich alle nicht gemeint, aber es ist nicht die Ausnahme, dass es so läuft. Gerecht ist die Abkehr von der Präsenzkultur nicht möglich, ohne Einbußen auf Seiten des Arbeitgebers – in der Geschwindigkeit, im Service den Kunden gegenüber, oder durch Aufstockung des Personals.

 

 

 

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Über liva2lox

bulls and bears of the absurd minds of thaddäus grotgen and some of his alter egos --- willkommen in meiner ideellen badestube! klistierspritzen für die seele - tauch’ eine weile unter die schaumkrone lauwarmer seifenfilosofie, verspür’ die erleichterung weltanschaulichen aderlassens oder salbadere bei einem ridikühlen getränk einfach mit in fremden blechzubern …hier bist du mit sicherheit.

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